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Biogramm Bevor sich Carl Spitteler – er war damals 47 Jahre alt – 1892 endgültig in Luzern niederliess, war er ein ziemlich erfolgloser Schriftsteller gewesen, dessen einziges grösseres Werk, das in rhythmisierter Prosa geschriebene Epos Prometheus und Epimetheus, praktisch kein Echo ausgelöst hatte. Spitteler fristete als Lehrer und Journalist – zuletzt als Feuilletonredaktor der Neuen Zürcher Zeitung – sein Leben, wovon acht Jahre als Hauslehrer in Russland. Durch die Heirat mit der Holländerin Marie Op den Hooff, einer früheren Schülerin, die einer begüterten Familie entstammte, wurde Spitteler materiell mehr oder minder unabhängig und konnte dem Leben eines freien Schriftstellers frönen. Das geistige Klima Luzerns um die Jahrhundertwende behagte dem Schriftsteller offensichtlich, und er brachte nun eine reiche literarische Ernte ein, mit der er sich sowohl gegen die klassisch-romantische Tradition als auch gegen die aktuellen Strömungen und Moden der Zeit bewusst abgrenzte. Trotzdem blieb er mit den grossen geistigen Bewegungen der Jahrhundertwende verbunden, nicht nur in dem psychoanalytischen Roman Imago, der das Interesse Sigmund Freuds und Carl Gustav Jungs weckte, die hier wissenschaftliche Erkenntnisse dichterisch bestätigt oder vorweggenommen fanden, sondern auch in seinem Hauptwerk Olympischer Frühling. Dieses Weltgedicht, nach dem Muster der grossen Renaissance-Epen in rund 20 000 Versen gehalten, ist nur äusserlich ein rein ästhetisches, sich selbst genügendes Kunstwerk, mit gewissen Anlehnungen an den Jugendstil. Im Innern ist es eine verschlüsselte Darstellung der pessimistischen Weltsicht des Dichters, die durchaus die Gegenwart meint – allerdings erzählt in einer phantasievoll-eigenwilligen, bilderreichen Sprache, die das Werk wie ein «Riesenspielzeug», ein mythologisches Märchen, erscheinen lässt. Ein kurzer olympischer Frühling bringt Licht und Freude in eine von zweifelhaften Göttern regierte und von Gewalt und List beherrschte Welt. Spitteler erhielt 1919 für dieses Werk den Nobelpreis. Er starb am 29. Dezember 1924. Seine Asche ruht in einem mit Rhododendren bepflanzten Ehrengrab im Friedental in Luzern. © Fritz Schaub |
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